Freitag, 8. August 2008

Umweltbewusstsein

Selbst in dieser Einrichtung, die ja nun nach alten chinesischen Traditionen lebt und auf Grund des sehr hohen TaiJiQuan-Einflusses doch im Einklang mit der Natur sein möchte, merke ich immer wieder, dass Umweltschutz und Sparsamkeit, wie man es von zu Hause kennt, kleingeschrieben wird. Wir vier hier sind immer wieder verblüfft, wenn in den Zimmern die Klimaanlage auf Hochtouren läuft (teilweise sogar nicht nur eine), aber alle Fenster offen sind. Dadurch, dass die Luft so feucht ist, wird dann auch in Kauf genommen, dass man alle fünf Minuten die Schüssel des Entwässerungswassers wechseln muss (Klimaanlagen entziehen der Luft nämlich Feuchtigkeit). Im Badezimmer haben wir Lampen, die ich für gewöhnlich aus Angst vor Sonnenbrand nicht einschalte. Gestern habe ich das Bad geputzt, wo Licht notwendig war. Als ich innerhalb kürzester Zeit ohne Shirt schweißgebadet war, wollte ich mal den Test machen: mit Thermometer unter die Lampe. Starttemperatur war knapp 30°C. Nach zehn Sekunden zeigt das Thermometer schon fast 35°C. Auch der Umgang mit Spülmittel und Waschpulver erschrickt, so drückte mir beispielsweise ein Junge zum Abwaschen meines einzelnen Glases eine halbe Flasche Spülmittel ins Glas, sodass es randvoll war.

Dienstag, 5. August 2008

Autofahren

Die letzten beiden Tage bin ich mit zum Flughafen in Peking gefahren, um die drei weiteren Freiwilligen abzuholen. Jetzt fehlt nur noch einer. Der Flughafen in Peking ist ja ein Monsterprojekt, wie ich es noch nie gesehen habe. Viel größer und viel verschwenderischer angelegt als alles, was ich in den USA gesehen habe. Demnach gestaltete sich das Abholen entsprechend schwierig. Wie auch immer, es sind alle da. Die Autofahrten dahin waren aber stets ein Abenteuer. In China hält sich nämlich niemand an die Verkehrsregeln. In Peking sieht man daher immer wieder Schilder, worauf man die Autofahrer bittet, wenigstens während der Olympiade ordentlich zu fahren. Tatsächlich sieht das dann so aus, dass auf den extrem breiten chinesischen Straßen jeder fahren kann wo und wie er will. Im Dorf ist es mehr oder weniger egal, ob man auf der linken oder der rechten Seite fährt (vor allem für die vielen Mopeds) und geblinkt wird sowieso nicht. Überholen kann man links und rechts und es ist auf der Autobahn üblich, in jede noch so enge Lücke zu springen. Wo die Autobahn dreispurig wird, fährt man gekonnt zwischen zwei Spuren, weil man sich ja nicht entscheiden kann, welche man nun wählt. Insgesamt ist Autofahren eine große Spekulation, weil es absolut nicht vorhersehbar ist, wie der vor dir und der neben dir auf bestimmte Situationen reagiert. Beliebtes Mittel ist hier die Warnhupe, die so viel aussagt wie "Vorsicht jetzt komm ich". Auch ist es üblich, dass die Straßen mal plötzlich breiter gemacht werden als sie sind, wenn mans besonders eilig hat. Auf der letzten Fahrt haben wir erlebt, wie jemand auf einem Autobahnkreuz den falschen Abzweig nahm und auf einem Zubringer kurzerhand anhielt und den Rückwärtsgang einlegte. Alle anderen Autos haben sich an ihm vorbeigequetscht als gäbe es nichts Normaleres. Wenn man auf der Autobahn mal muss, hält man an und stellt sich an den Straßenrand. Im Dorf ist es dann noch spannender. Es gibt nämlich kaum Ampeln und keine Vorfahrtsregelung. Man brettert nun also mit 70 km/h (30 sind erlaubt) auf die Kreuzung und hupt. Wer hupt hat Vorfahrt. Alle anderen können warten. Aber natürlich nur wenn man will. Ansonsten passt man halt die Lücke ab und fährt mittendurch. Der Witz dabei ist, dass das alles funktioniert und ich bis jetzt auch noch nie einen Unfall gesehen habe. Wenn der Verkehr mal zu dicht wird, fährt man nicht langsamer, sondern einfach im Gegenverkehr weiter. Aber die breiten Straßen und der eher ruhige, aber immer konstante Verkehr erlauben das. Bis jetzt bin ich jedenfalls überall heil angekommen. Selber fahren würde ich hier aber nie.

PS: Kaum ein Auto hat Gurte...

Sonntag, 3. August 2008

Der Titel des "Shi Fu"s

In der chinesischen Kultur ist es nicht gewöhnlich, den Lehrer (Meister) mit 师父 (Shi Fu) anzusprechen. Es ist eine Ehre, wenn man seinen Meister als Schüler so nennen darf und diese Beziehungsebene wird im Normalfall erst nach Monaten oder Jahren erreicht und ist stark abhängig vom Verhalten, Können und Lernfortschritt des Schülers. Der Meister muss also stolz auf seinen Schüler sein, bis der ihn 师父 nennen darf. Bis dahin ist der Meister ein simpler Lehrer: 老师 (Lao Shi). Das erklärt vielleicht auch, warum es einige Meister in Deutschland auch diesen Titel ablehnen. Mit der Frage, ob ich meinen Lehrer nun 师父 nennen darf, bin ich also ganz schön ins Fettnäpfchen getreten. Aber wenigstens habe ich gefragt.

Samstag, 2. August 2008

Wie ich zu meinem chinesischen Namen kam...

Heute sollte ich wieder einmal einem wichtigen Meeting beisitzen. Das war jetzt das dritte Mal, dass ich das erlebt habe. Es wird dann freundlich erzählt, dass ich aus Deutschland komme und einer von fünf sein werde. Ich versuche möglichst viel mitzubekommen, aber eigentlich verstehe ich fast nichts. Ab und an übersetzt mir "mein Dolmetscher" etwas (also er ist nur der Vater meines Zimmerkameraden, ist aber der einzige, der etwas besser Englisch kann und hat übrigens 8 Jahre mit Jet Li Kung Fu trainiert). Ja, das heutige Meeting fing ähnlich an. Mir wurde aber vorweg schon mitgeteilt, dass jemand vom deutschen Fernsehen da sein wird. Schließlich war dann das lokale Regierungsoberhaupt, ein Leiter von CCTV und Beijing TV und jemand vom ZDF da und ein paar andere. Anfangs wurde beredet, was mit einem Tai Chi-Lehrvideo passieren soll, welches hier gedreht wurde.

Der vom ZDF sucht nach Stories, die in China außerhalb von Olympia passieren und ist auf meinen Weltwärts-Dienst aufmerksam geworden. Im Meeting wurde nochmal der Sinn und Zweck dieser Einrichtung erläutert (Zurückfindung zu alten chinesischen Werten und Traditionen) und ich wurde als Beispiel genommen, wie gut ich mich den Werten schon anpassen könne. Generell wurde ich sehr gelobt für meine Disziplin und so. Naja, ich versuche eigentlich nur das nachzumachen, was mir hier vorgelebt wird. Scheinbar scheint denen das sehr zu gefallen. Danach gab's Mittag, was sich deutlich vom bisher gewohnten Kantinenessen abhob. Bis jetzt habe ich nur vegetarische Kost erhalten, die mir eher nicht so geschmeckt hat und die mein Körper auch nicht vertragen wollte. Das Essen heute hingegen war ein chinesischen Festessen zum Vergleich. Es gab ganz viele unterschiedlichste Sachen (dennoch kein Fleisch, nur Fisch), die köstlich waren, dazu Wein oder 53%igen Korn oder sowas. Ich entschied mich doch lieber Wasser zu trinken. Während des Essens wurde dann immer mehr über mich geredet und auf mich angestoßen. Als ich den vom ZDF dann fragte, warum man denn Cheers wünscht und nicht Gan Bei, wurde das von den Chinesen aufgeschnappt und mir mein Glas mit dem Korn vollgegossen. Da Gan Bei "das Glas trocknen" heißt, mussten nun alle ex austrinken, was der Gaudi für die Chinesen war. Anschließend gab es eine Tour übers Gelände, wo ich Dank dem ZDF-Korrespondenten als Übersetzer auch noch viel dazugelernt habe. Ich weiß jetzt zum Beispiel, dass die Lautsprecher im Garten beim Tai Chi an sind, sodass die Tiere auch was davon haben. Zurück im Meetingraum wurde weiter über mich diskutiert. Der vom ZDF hat meine Kontaktdaten aufgenommen und eventuell wird jetzt eine Reportage über den Dienst von uns fünf Freiwilligen gebracht. In der Zwischenzeit wurde unter den hohen Leuten heftig über meinen Namen diskutiert. Bis jetzt hieß ich hier nämlich Ma Ke Si (oder so ähnlich, e und i werden dabei nur angehaucht, so dass es fast wie Maks klinkt). Da das aber Marx heißt und, auch wenn das in China eher eine Ehre ist, dieser Name doch eher unpassend ist, zumal Max ja mein Vorname ist. Es wurde kurzentschlossen ein neuer festgelegt: 马小龙 (Ma Xiao Lung - zu deutsch: Kleiner Drache Ma, also Ma ist eigentlich ein Familienname, soll aber hier Max andeuten). Da ich damit einverstanden war, war er beschlossen. Abschließend hat mir der CCTV-Typ beigebracht, wie man das schreibt, was alle ganz toll fanden, und es wurden Photos gemacht.

Ich hätte nie gedacht, dass Chinesen sooooo freundlich sind. Ich meine, das waren nun alles hohe Tiere mit Rang und Namen und ich war so zu sagen der Star in ihrer Mitte. Auf jeden Fall hat mich der heutige Tag mächtig aus meinem Stimmungstief gerissen und ich hatte lange nicht mehr so viel Spaß wie heute. Vieles habe ich dem ZDF-Menschen zu verdanken, weil er viel für mich übersetzt hat und natürlich mein treuer "Dolmetscher" ebenso. Ihn mag ich wirklich sehr, weil er mir viel vermittelt und erklärt und ich habe das Gefühl, dass er sich auch darüber freut.

Bis demnächst,
euer 马小龙

PS: Mein Bett wurde geupgradet. Ich schlaf jetzt nicht mehr auf einem Holzbrett mit Bastmatte, sondern habe jetzt ein Queensize-Bett mit ordentlicher Matratze bekommen. Ja, wenn schon denn schon...

Freitag, 1. August 2008

Chinesische Lernmethodik

Nach knapp einer Woche wurde ich nun mit der chinesischen Lernmethodik vertraut gemacht, natürlich die traditionelle, die schon seit Jahrhunderten in Gebrauch ist und von der die Chinesen sehr angetan zu sein scheinen. Und zwar lese/spreche/wiederhole man etwas so oft, bis man es im Schlaf aufsagen kann. Und so lernen hier manche Schüler ganze Bücher auswendig. Wofür das ganze gut sein soll, weiß keiner. Aber alle sind vom Erfolg dieser Methode überzeugt. Für Schüler (vor allem welche mit westlichen Einfluss) ist das natürlich stinklangweilig und es ist hart, sich so lange auf etwas zu konzentrieren. Insgesamt kommt es meinem Französischunterricht gleich. Die Methode kommt übrigens, wie ich heute gelesen habe, aus dem Konfuzianismus, der ältesten "Religion" Chinas und es bringt seit jeher Ansehen, wenn man die alten Schriften auswendig zitieren kann.
Zurück zu mir: Ich wurde heute von 2 Chinesen, beide unter 10 Jahren alt, dazu "gezwungen" eine Seite eines Buches immer wieder zu lesen. Was drin steht, weiß ich nicht. Für jede richtige Wiederholung wurde ein Maiskorn von einer Schale in eine andere gelegt um mitzuzählen.